Hans Meyer – der Erstbesteiger des Kilimanjaro aus Leipzig

August 31, 2020 Veröffentlicht von

Die Erstbesteigung des Kilimandscharo durch Hans Meyer aus Leipzig

Inhaltsverzeichnis

Galerie zur Kibu Besteigung von Hans Meyer

Das Wirken des Vaters – Der Beginn in Leipzig

Eine bedeutsame Bereicherung erfuhr das Verlagssortiment seit 1862 auch durch „Meyers Reiseführer“, „Meyers Sprachführer“ sowie das von Alfred Brehm auf Meyers Veranlassung geschriebene „Tierleben“ (1. Aufl. 1864/69). Er führte auch den Ratenvertrieb vollständig gebundener Werke durch den Reisebuchhandel ein, wodurch das gesamte Buchgewerbe ein anderes Gesicht erhielt.  

Da das kleine Hildburghausen den Bedarf des Bibliographische Institut(BI) an Arbeitskräften und technischen Hilfsmitteln nicht decken konnte, wurde der Verlagsort 1874 nach Leipzig, der Zentrale des deutschen Buchwesens, verlegt.  

Hier in Leipzig entwickelte sich das BI zu einem der größten Verlage für Nachschlagewerke und populärwissenschaftliche Bildung überhaupt.  

Dem Wunsche des Vaters gemäß, übernahm Hans Meyer 1884 die wissenschaftliche und Arndt Meyer die technisch-buchhändlerische Leitung.  

Hans Meyer als Forschungsreisender und Geograph, Kolonialwissenschaftler und Kolonialpolitiker

Seit den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts gehörte Hans Meyer (1858 – 1929) zu den bekanntesten Gestalten des öffentlichen Lebens, zu den populärsten Forschungsreisenden und den meistgenannten und im landläufigen Sinne berühmtesten deutschen Geographen. „Seine Taten und seine Werke sichern ihm einen dauernden Ehrenplatz in der Geschichte des Verlagswesens, in der Entdeckungsgeschichte Afrikas, in der Geschichte der Kolonialpolitik und der wissenschaftlichen Geographie“. Seine Verdienste um Wissenschaft und Öffentlichkeit wurden reichlich anerkannt. 

Hans Meyer schloss seinen akademischen Bildungsweg an den Universitäten in Berlin, Leipzig und Straßburg 1881 mit der Promotion zum Dr. rer. pol. ab. Er sollte ihm ein möglichst umfassendes Wissen einbringen und beinhaltete daher das Studium der Germanistik, Geschichte, Staatswissenschaften, Botanik und Völkerkunde. 

Bevor er in das väterliche Verlagsgeschäft einstieg, führte er 1881/1882 eine Reise durch, die ihn um den ganzen Globus brachte.  

Die Reise legte in ihm die Grundlage für seine späteren Forschungsreisen und geographischen ArbeitenIn der Folgezeit führten ihn weitere sieben Expeditionen nach Afrika, vor allem in das damalige Deutsch-Ostafrika, sowie auf die Kanarischen Inseln und nach Südamerika. Besonderen Einfluss auf Hans Meyer als Wissenschaftler übten Friedrich Ratzel sowie Alphons Stübel, Wilhelm Reiß und Albrecht Penck aus  letztere besonders auf vulkanologischem und geomorphologischem Gebiet. 

Drei große Reisen führten ihn in ganz verschiedene Weltgegenden, gehörten aber dennoch logisch zusammen in ihrer planvollen Reihenfolge. Seine dritte ostafrikanische Expedition beschränkte sich diesmal ganz auf den Kilimandscharo. Hans Meyer krönte mit der Kilimanjaro Besteigung die Entdeckung der äquatorialen „Schneeberge“ durch die Missionare J. I. Krapf und J. Rebmann(1848 – 1852) und die vergeblichen Besteigungsversuche durch C. von der Decken (1861) und O. Kersten (1862). Das von ihm gesammelte Material reichte aus, „um ein ziemlich abgerundetes Bild von jenem interessanten Teil des äquatorialen Afrika zu geben“ (Scurla 1973, S. 428). Der Nachweis diluvialer Vereisungen in den Tropen, der von ihm zuerst erbracht wurde, war für die Diskussion glazialer Probleme von entscheidender Bedeutung. Hans Meyers wissenschaftliche Erfahrungen seiner Kilimandscharo-Arbeiten drängten ihn ganz von selbst auf zwei Problemgruppen, die fortan seine Spezialgebiete als Geograph werden sollten: Vulkanologie und Fragen der tropischen Hochgebirge. Ihnen diente eine 1894 ausgeführte „wissenschaftliche Vorexpedition“ nach den Kanarischen Inseln. 

Die Geschichte der Besteigung des Kilimanjaro - der Gipfel bleibt unerreichbar 2 Besteigungsversuche von von der Decken

Als die große Regenzeit des Jahres 1861 zu Ende geht, setzt die Brigg „Afrika“ des Sultans Seyyid Majid am 28. Mai von der Decken und seine Mannschaft von Sansibar nach Mombasa über. Der Expedition hat sich der englische Geologe Richard Thornton angeschlossen, der gerade zuvor mit Dr. Livingstone zum Sambesi und zum Schirwa-See gereist war. Mit 47 Trägern, davon die Hälfte Sklaven, fünf Dienern und zwei ortskundigen Führern bricht die bunte Reisegesellschaft am 28. Juni ins Chagga-Land auf. Zunächst geht es wieder über Rebmanns Kasigao. Einen Monat nach dem Abmarsch von Mombasa erreicht des Barons Karawane Kilema. 

Beladen mit Messgeräten, Wolldecken, Waffen und Proviant, beginnen von der Decken, Thornton und eine kleine Karawane von Chagga-Trägern im August 1861 den Aufstieg, der grob so verläuft wie der Anfang der heutigen Marangu-Route. Zuerst müssen sie den dichten Regenwaldgürtel durchqueren. Der wolkenverhangene Bergurwald macht seinem Namen alle Ehre: Es ist kalt und gießt in Strömen – fast 48 Stunden lang.  

In etwa 8000 Fuß Höhe (2400 m) muss Expeditionschef von der Decken Befehl zur Rückkehr nach Kilema geben. Die Unbilden der Witterung haben den ersten Versuch seiner Besteigung des Kilimandscharo vereitelt.  

Doch der energische Decken gibt so schnell nicht auf. Schon im November 1862 ist er wieder am Berg. Diesmal begleitet ihn der Altenburger Dr. Otto Kersten. Nachdem von der Decken mit dem jungen Häuptling Mandara von Moshi, einem damaligen Chagga-Staat oberhalb der heutigen Stadt Moshi, Blutsbrüderschaft geschlossen hat, beginnt von hier aus der zweite Versuch einer Besteigung. Aber auch der endet etwa tausend Meter unter der Schneegrenze. Ihren höchsten Punkt – 4280 Meter – erreichen die Bergsteiger nach drei Tagen in der alpinen Region, wo sie sogar einen nächtlichen Schneefall erleben und eine phantastische Pflanzenwelt mit vielen afrikanischen Hochgebirgsarten entdecken.  

In dieser Höhe bekommen sie bereits die Folgen des verringerten Luftdrucks und Sauerstoffmangels zu spüren: allgemeine Körperschwäche und Kopfschmerzen. Mangelnde Ausrüstung, vor allem aber die zu leichte unzweckmäßige Kleidung der Afrikaner, gebietet den vorzeitigen Abbruch des Unternehmens.  

Mit den beiden Reisen des Barons von der Decken findet die naturwissenschaftliche Kilimandscharo-Forschung einen vorläufigen Abschluss. Das Massiv ist im Wesentlichen kartographisch aufgenommen, seine Pflanzen- und Tierwelt erfasst und der Berg von Richard Thornton nach gesammelten Gesteinsproben als ein alter Vulkan erkannt worden. Und von der Decken gibt für die Höhe der schneebedeckten Kibo-Kuppel etwa 20.000 englische Fuß (rund 6000 Meter) an.  

Aufdeckung der Absurdität „Schnee am Äquator“ durch Charles New

Dennoch bleibt Schnee mitten im heißen Afrika für unbelehrbare Europäer eine Absurdität. Der Londoner Geograph Desborough Cooley glaubt immer noch „eher an die Exzentrizitäten eines Reisenden als an solche der Natur“. Doch von der Decken war kein Lügenbaron. Den handgreiflichen Beweis dafür bringt neun Jahre später der britische Missionar Charles New. Als erster Europäer erreicht er am 28. August 1871 zusammen mit seinem afrikanischen Begleiter Tofiki vom Chagga-Staat Moshi aus die Schneefelder auf der Südostwand des KiboDort zerstört er mit einem Speer einen Eisbrocken, dessen Bruchstücke Tofiki in einen Lappen wickelt, so dass die tiefer wartenden und staunenden Chagga-Träger das Eis lutschen können. Wie ist Mangi Mandara enttäuscht, dass das Weiße hoch oben über seinem Bergreich nur Wasser ist! Ermutigt durch diesen Erfolg, besucht New zwei Jahre später erneut den Kilimandscharo. Sein zweites Bergabenteuer endet jedoch mit einem Desaster. Er wird von Mandara ausgeraubt und stirbt auf dem Rückmarsch zur Küste. 

Expedition Johnston anno 1884

Das ganze folgende Jahrzehnt lassen europäische Forscher Afrikas Bergriesen in Frieden. Es ist aber nur die Ruhe vor dem großen Sturm. Und als der dann schließlich losbricht, weht er nicht nur Entdecker und Bergsteiger ins Land. Einen neuen Anfang macht 1884 die Expedition des Briten Harry H. Johnston. Im Auftrage der berühmten Royal Geographical Society erforscht Johnston ein halbes Jahr lang – hauptsächlich von Mandaras Moshi aus – Flora und Fauna des Kilimandscharo-Massivs. Aber der Botaniker und Zoologe verfolgt noch andere Ziele: In der Nachbarschaft von Taveta und an den Südhängen des Kilimandscharo schließt er – so ganz nebenbei – im September 1884 mit verschiedenen Herrschern Verträge ab, die auf eine britische Annexion des von ihm erforschten Gebietes gerichtet sind. 

Ende 1884 kehrt Johnston nach England zurück und übergibt die erworbenen Konzessionen an den Präsidenten der Manchester Chamber of Commerce. Britische Kolonialkreise planen daraufhin „Landerwerb“ zwischen der Küste Ostafrikas und dem Victoria-See. Sie wollen auch eine Eisenbahnlinie nach Äquatorialafrika bauen. Das Projekt verspricht höchste Profite. Elfenbein und andere begehrte Landesprodukte sollen im Austausch gegen britische Waren über die Schienen rollen. Die an diesem Vorhaben interessierten Investoren gründen die British East African Association (BEAA) als Gesellschaft zur Kolonialisierung des östlichen Afrikas. Aber die Briten sind nicht die einzigen, die Kolonialpläne für das Land am Kilimandscharo aushecken 

Britisch-deutscher Wettlauf zum Kilimanjaro

Anfang November 1884 gehen auf Sansibar vier junge Deutsche an Land, die sehr schweigsam werden, wenn man sie nach dem Zweck ihres Besuches fragt. Sie sind unter falschen Namen mit dem Dampfer Titania des Österreichischen Lloyd aus Triest abgereist. Europäischer Besuch auf Sansibar ist in jenen Tagen nichts Besonderes mehr. Seit 1869 der Suez-Kanal eröffnet wurde, ist die ostafrikanische Handelsmetropole um drei Reisewochen näher an Europa herangerückt, dessen Industrieländer sich immer stärker für diesen Teil der Welt zu interessieren beginnen. 

Hastig bereiten die Deutschen, die in Sansibar vorgeben, auf dem afrikanischen Festland jagen und forschen zu wollen, ihre Expedition auf den nahen Kontinent vor. Ihnen scheint größte Eile geboten, denn in ihrem Hotel wohnt zur gleichen Zeit eine belgische Expedition, die zum Tanganjika-See aufbrechen will. Die kleine deutsche Mannschaft ist ebenso wenig ein wissenschaftliches Forschungsunternehmen wie die Expedition, die im Auftrag des Königs der Belgier reist.  

Am Morgen des 10. November 1884 segelt eine Dhau mit den „Großwildjägern“ von Sansibar nach Saadani bei Bagamoyo. In einem fünfwöchigen Eilmarsch reißen die deutschen Kolonialagenten durch Betrug und Übertölpelung ein Stück Afrika an sich, das so groß ist wie ganz Süddeutschland. Dieses „Petersland“ ist das Kerngebiet der nun auf dieser „Rechtsgrundlage“ entstehenden deutschen Afrika-Kolonie. In seinem Buch „Wie Deutsch-Ostafrika entstand“ rechnet Peters öffentlich die Finanzen jener ersten Erwerbungsexpedition 2000 Mark vor 

Ein Leipziger macht den Kilimanjaro zu seinem Berg

Regenzeit im April des Jahres 1887

Während der schwülen großen Regenzeit im April des Jahres 1887 verbringt ein Leipziger – geschüttelt von schweren Fieberanfällen –  im Spital der Stadt Stowntown auf Sansibar die wohl schlimmsten Tage und Nächte seines bisherigen, nicht einmal 30jährigen Lebens Schon im Herbst 1886 war er in England zu seiner Afrika-Reise aufgebrochen. Sie führte ihn zunächst entlang der afrikanischen Westküste nach Kapstadt, durch Südafrika, das portugiesische Mozambique und schließlich die Ostküste aufwärts nach Sansibar, wo er am 9. April 1887 eintraf. Kaum aus dem Krankenhaus entlassen und immer noch körperlich geschwächt, beginnt der genesende Malaria-Patient aus Leipzig – es ist der bekannte Forschungsreisende Dr. Hans Meyer – mit den Vorbereitungen seiner lange geplanten Kilimanjaro-Expedition drüben im entstehenden Deutsch-Ostafrika. 

Dr. Carl Peters Direktor der Ostafrikanischen Gesellschaft

Als Mitte Mai Dr. Carl Peters – inzwischen avanciert zum Vorsitzenden Direktor der Ostafrikanischen Gesellschaft – mit einem Stab von weiteren 25 Gesellschaftsbeamten zum zweiten Mal auf Sansibar eintrifft, findet Hans Meyer auch einen geeigneten Begleiter für sein wissenschaftliches Kilimandscharo-Unternehmen. Es ist der fünf Jahre jüngere Freiherr Ernst Albrecht von Eberstein, Ex-Offizier und seit kurzem DOAG-Angestellter, vermittelt von Peters persönlich mit dem Auftrag, im Chagga-Land einen geeigneten Platz für eine DOAG-Station ausfindig zu machen. 

Der Aufbruch der Expeditionsmannschaft

Als Aufbruchsort der fast 100 Mann starken Meyer-Karawane mit ihren notwendigen Tauschwaren und Geschenken wurde die Hafenstadt Mombasa gewählt. Über Rabai und die Bura-Berge durchqueren die Reisenden die britische Interessenssphäre und erreichen nach einem zweiwöchigen Marsch am 27. Juni bei Taveta das Kilimandscharo-Vorland. In Taveta treffen Meyer und Eberstein auf die große Expedition des ungarischen Grafen Samuel Teleki von Szek aus Siebenbürgen, der mit dem österreichischen Marineoffizier Leutnant Ludwig Ritter von Höhnel eine Jagd- und Forschungsreise macht. Die beiden sind gerade vom Kilimandscharo herunter gekommen. Graf Teleki war am östlichen Kibo-Kegel vom Sattelplateau aus auf 5310 Meter aufgestiegen – so berichtet jedenfalls von Höhnel in seinem profunden Reisewerk. Aufgesprungene blutende Lippen und ein übergroßes Schlafbedürfnis veranlassten den Grafen in dieser Höhe zum Aufgeben. Meyer relativiert aber später Telekis höchsten möglichen Punkt auf nur 4800 Meter. Ohne Konkurrenzneid gegenüber ihren deutschen Nachfolgern empfehlen die beiden adeligen Herren ihre Aufstiegsroute. 

Hans Meyer auf dem Weg zum Gipfel

So gehen Meyer und Eberstein nicht nach Moshi zu „Sultan“ Mandara, dem Vertragspartner Jühlkes, sondern in den Chagga-Kleinstaat Marangu am unteren Südosthang des Massivs, wo Häuptling Mareale sie genauso freundlich empfängt und unterstützt wie Teleki und Höhnel. Der weltgewandte Diplomat Hans Meyer macht seinem Gastgeber und Altersgenossen Mareale „seiner Stellung und meinen Zwecken entsprechend“1 Geschenke. Schon drei Tage später beginnt Meyers und Ebersteins Aufstieg mit drei Bergführern aus Marangu und verringertem eigenen Tross. Nebel und Nieselregen machen den Durchgang durch den dichten Urwaldgürtel zwischen 1800 und knapp 3000 Meter, der auf die Kulturzone folgt, zu einer triefnassen Schlamm- und Rutschpartie. In 2740 Meter Höhe kann die verkleinerte Meyer-Karawane einen alten Rastplatz benutzen, den der britische Zoologe und Botaniker Johnston 1884 angelegt hatte und wo auch Teleki erst vor drei Wochen sein Lager aufgeschlagen hatte. 

Am9. Juli und bei guter Sicht!

Am 9. Juli – bei guter Sicht – brechen Meyer, Eberstein und acht Freiwillige nach Durchquerung des Waldgürtels in Richtung Mitte des Sattels zwischen Kibo und Mawenzi auf. Noch unterhalb des Sattelplateaus finden sie auf einer Geländestufe ein erstes Schneefeld und „eine unter dem Schnee hervorbrechende Quelle in fast 4000 m Höhe“2. Für Meyers Küstenleute ist der erste Schnee „ein Gegenstand des Staunens und Mißtrauens, bis ich ihnen durch Verzehren bewies, daß die weiße ‚Dauna‘ (Zauber) gar nichts Furchtbares an sich habe“3. An dem Bach, der hier entspringt, richtet Meyer sein „Schnellquell-Lager“ ein. Heute befindet sich hier am so genannten Last Water Point ein Rastplatz der Marangu-Route, den man beim Anmarsch auf die Kibo-Hütte, die dritte Berghütte, passiert. 

4340 Meter Höhe am Kilimanjaro

Am 10. Juli steht Meyers Zelt bereits auf 4340 Meter Höhe am nun sichtbaren freien Ostfuß des gestutzten Kibo-Kegels – noch genauer gesagt, auf der Südseite der „Drillinge“. Das sind drei in Reihe liegende Aschehügel. Auf modernen englischen Karten heißen sie Triplets. Von hier schickt Meyer die Träger zurück zum Schneequell-Lager und heißt sie, dort am geschützteren Platz zu warten. Mit dem Blick auf den nun ganzen Kibo-Kegel schreibt er: „(…) all mein Sinnen war gefesselt von der überwältigenden Schönheit der grandiosen Berglandschaft.“4 

Der Gipfelsturm am Kilimanjaro, die Eiswand verhindert die Besteigung

Am frühen Morgen des 11. Juli 1887. Das Minimumthermometer zeigt 11. Grad minus. Die kalte Nacht in dem zugigen Fischnetzzelt bei den Drillingen war eine furchtbare Qual. Nur ein Bissen Schokolade und ein Schluck Kognak – dann geht es los. Die Atmosphäre ist glasklar. Die Sicht könnte nicht besser sein – jedenfalls am Anfang des Aufstiegs. Meyer und Eberstein überschreiten noch ohne Mühe Johnstons angeblichen und wenig darüber Telekis Umkehrpunkt. Den gletscherbedeckten Oberrand des Berges sehen sie in „greifbarer Klarheit“ und mit größter Zuversicht. Doch dann: Nebel kommt auf. Sie umhüllen Berg und Bergsteiger. Temperatur und Stimmung sinken. Es fängt an zu graupeln. Eberstein fällt und bleibt in der dünnen Luft erschöpft zurück. Er ermittelt seine Höhe: 5200 Meter. Hans Meyer kämpft weiter gegen Wetter und Berg. Er schafft es im sich weiter verdichtenden Nebel nach dem Kompaß noch 250 Meter höher. Das sind 5450 Meter! So hoch hat noch kein menschlicher Fuß am Kibo gestanden.  

„Dann hielt mich ein großes Trümmerfeld von weißkrustigen Eisbrocken auf. Vor mir ragte eine blaue Eiswand etwa 40 m hoch empor. Dieser Wand war von einem Einzelnen nicht beizukommen.“5 

So wird der blaue Eisriegel Meyers „point of return“. Es wird angenommen, dass hier damals der Ostrand des inzwischen fast abgeschmolzenen Ratzel-Gletschers lag, der ihm den weiteren Weg nach oben versperrte. Meyer muss aufgeben. Er muss sich mit diesem Höherekord und dem Nachweis einer kompakten Eisbedeckung des Kibo begnügen. Außerdem ist Eile zur Rückkehr geboten, denn der Schneefall beginnt, seine Fußspuren zu verwischen. 

Glücklich wieder vereint mit Eberstein und den an tieferen Biwakplätzen zurückgelassenen Männern, kehrt die Expedition nach Marangu zurück und genießt noch zwei Wochen Mareales Gastfreundschaft, die Meyer als Reflex seines eigenen Benehmens gegenüber dem Landesfürsten ansieht, der ihm später zum echten Freund und Förderer werden soll. Während Ebstein mit anderen angereisten DOAG-Herren seinem Peters-Auftrag nachgeht, reist Meyer über Sansibar zurück nach Deutschland. Ende Oktober ist er wieder bei seinen Eltern in Leipzig. Doch der Kilimandscharo, der innerlich längst zu „seinem“ Berg geworden ist, lässt ihm keine Ruhe mehr. Er will seinen Fast-Sieg vom Juli 1887 zu einer echten Gipfeleroberung machen und bis zur wirklichen Dachspitze Afrikas aufsteigen. 

Erneuter Gipfelversuch von Hans Meyer

Von Details der Vorbereitungen seiner zweiten Kilimandscharo-Expedition erfahren wir anschaulich aus der Korrespondenz, die Hans Meyer bereits seit Anfang 1888 mit seinem neuen Partner, dem österreichischen Geographen Dr. Oscar Baumann, führte. Da wurde abgesprochen, wie extra aus London zwei große Zelte, ein kleines Kampierzelt, Feldbetten, Zeltstühle, Campbadewannen und ein dreiteiliges tragbares Boot mit Ruder und Segel angeliefert werden mussten. Um Regenmantel und Frack mit Zubehör – alles natürlich nach Maß – sollte sich sein Kollege Baumann in Wien selbst kümmern. Ohne letzteres Kleidungsstück würde sie der Sultan von Sansibar nicht empfangen. Leierkästen, Spieldosen und billige Uhren aus England übernahm Meyer zu besorgen, genauso die Jagdwaffen aus Suhl und teure geographische Instrumente aus Berlin. Perspektive (Spielfernrohre), Stereoskope als kleine Geschenke oblagen Baumann bei seinen Einkäufen. Bis Ende Mai waren bereits kistenweise europäische Esswaren und Getränke, Perlen und sogar drei Dachshunde als Vorausgepäck nach Sansibar unterwegs. Und im Juli 1888 – ein Jahr nach Meyers erstem Versuch am Kibo – treffen der Leipziger und der Wiener zusammen in Sansibar ein.  

Am 29. Juli schreibt Meyer an seine Eltern aus Sansibar, er habe ein Haus gemietet, um seine Ausrüstung und Waren zu lagern und zu packen für den großen Aufbruch ins Innere. Die Wissenschaftler und ihre auf der Anreise in Aden angeworbenen Somali-Helfer stellen nun täglich die einzelnen Traglasten für die sorgfältig geplante Expedition zusammen. Insgesamt soll sie zwei Jahre dauernDenn nach dem Kilimandscharo will Meyer noch zum Südufer des Victoria-Sees und dann bis zum Ruwenzori vorstoßen. Ein Riesenunternehmen mit großen logistischen Anforderungen an die beiden Europäer (Kosten: 30.000 Mark). 230 Mann gehören zu ihrer über einen Karawanenagenten angeworbenen Expeditionstruppe, als sie Ende August im „deutschen“ Pangani zunächst in Richtung Kilimandscharo aufbrechen. Sie marschieren mit ihrer Erfolg versprechenden Ausrüstung – nur wissen sie es noch nicht – direkt in die Anfänge eines antikolonialen Aufstands hinein. 

Kaum haben sie die an der Route zum Kilimandscharo gelegene Usambara-Kette von Süden nach Norden durchwandert, bisher noch unbekannte Landstriche kartographisch aufgenommen und ihre kolonialwirtschaftlichen Potenzen erforscht, da geraten sie in die Wirren des Aufstands der Küstenbevölkerung, die sich inzwischen vehement den Herrschaftsansprüchen der Beamten der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft widersetzt. Auf dem am 9. Oktober begonnenen eiligen Rückmarsch zur Küste – das Expeditionsgepäck ist zum größten Teil veruntreut und verschwunden – hofft Meyer immer noch, desertierte Karawanenleute für sein Vorhaben ersetzen zu können. Doch der Aufstandsführer Bushiri bin Salim aus Pangani hat die beiden Forschungsreisenden aus dem Hinterland längst in seinem Visier. Er lässt sie von seinen Leuten gefangen nehmen. Sie werden ausgeraubt, geschlagen, gedemütigt und in Ketten gelegt. In Pangani, wo Meyer mit Baumann seine zweite Kilimandscharo-Expedition begonnen hatte, endet sie mit einer Niederlage. Ausrüstung, Vorräte und Handelsartikel sind verloren. Erst durch Zahlung eines hohen Lösegeldes – Vermittler müssen eingeschaltet werden – gelingt es Hans Meyer, ihre Freiheit von Bushiri zu erkaufen. Am 19. Oktober 1888 dürfen sie – nun aber sogar als Bushiris persönliche Gäste – an Bord des Sultansdampfers „Barawa“ das Aufstandszentrum verlassen und nach Sansibar zurückkehren. Ihre dortige Ankunft nach der gescheiterten Kilimandscharo-Expedition macht die Geographenkollegen zu Kronzeugen des Beginns des ersten deutschen Kolonialkrieges. Ihre Erlebnisse in Bushiris Gefangenschaft erregen in Deutschland und Österreich großes Aufsehen. 

Erfolgreiche Gipfelbesteigung des Kilimanjaros durch Dr. Hans Meyer

Aber weder Misserfolg noch finanzieller Verlust können Hans Meyer daran hindern, nach kurzem Aufenthalt in der Heimat eine dritte Ostafrika-Expedition in Angriff zu nehmen. Und wieder zum Kilimandscharo. Schon im September 1889 ist er erneut von Sansibar aus auf Safari, während der Krieg gegen Bushiris Truppen immer noch andauert.  

Um nicht noch einmal die „Gastfreundschaft“ des Aufstandsführers erfahren zu müssen, marschiert Meyer durch die britische Interessensphäre (Mombasa – Taveta) an das Kilimandscharo-Massiv heran. Ohne Zwischenfall erreicht er – dieses Mal vom Salzburger Alpinisten und Turnlehrer Ludwig Purtscheller begleitet – die Residenz des Moshi-Häuptlings Mandara. Als Hans Meyer und Ludwig Purtscheller bei klarer Sicht von Mandaras Hof aus den scheinbar nahen Kibo erblicken, ist ihnen klar: Auf die schroffe Südflanke dürfen sie sich nicht einlassen. 

Wie bei seinem Besteigungsversuch 1887 wählt Meyer als Basislager deshalb wieder den Chagga-Staat Marangu. Dieser bietet den besten Ausgangspunkt für den Aufstieg zum etwa 4500 Meter hohen Sattelplateau zwischen den beiden Hauptgipfeln. 

In Marangu, es liegt etwa 1500 Meter hoch im landwirtschaftlichen Kulturgürtel des Massivs, lässt Hans Meyer die große Karawane zurück. Unterstützt durch seinen Freund Häuptling Mareale von Marangu, legt er bis hinauf zur Basis des Kibo Zwischenlager an, die durch Läuferdienste Verbindung halten und auch verproviantiert werden. Am oberen Ende dieser Kette biwakieren nur die beiden Europäer und ihr afrikanischer Koch und Gehilfe Muini Amani aus Pangani, der schon an der gescheiterten Expedition des Vorjahres teilgenommen und treu zu seinem deutschen Expeditionsleiter gehalten hatte. 

Das Hochlager an der Kibo-Basis befindet sich dieses Mal weiter südlich der Drillinge als es bei der Expedition mit von Eberstein 1887 gestanden hatte. Auf dieser Höhe – 4330 Meter – hat der Kibo-Kegel einen Durchmesser von etwa sechs Kilometern. Am 3. Oktober 1889, lange vor Sonnenaufgang, gehen Mayer und Purtscheller den eisgekrönten Kibo von seiner Südostseite an. Hier scheint sich ihnen auf einer vom Kibo-Lager gut sichtbaren felsigen Hangrippe die günstigste Route für den Aufstieg zu bieten. Über Lavablöcke, Schutthalden, Klüfte und Löcher kämpfen sie sich in dünner Luft – und anfangs noch bei Dunkelheit – oft mehr rutschend als steigend – aufwärts, „bis wir endlich um 9 Uhr 50 Minuten an der unteren Grenze des geschlossenen Kibo-Eisens in 5480 m Höhe anlangten“6. Hier an der unteren Grenze der Eishaube beginnt die schwierigste Arbeit. In das glasharte Eis müssen Stufen gehauen werden. Meyer nennt den ersten Gletscher, den sie überqueren, nach einem Freund „Ratzel-Gletscher“. Allmählich wird die Oberfläche des 60 bis 70 Meter dicken Eispanzers immer zerfurchter. Die Männer haben 11 Stunden schwerster Steigarbeit hinter sich. 

Der Gipfel ist in greifbarer Nähe

„Endlich, gegen zwei Uhr“, berichtet Hans Meyer, „näherten wir uns dem höchsten Rand. Noch ein halbes Hundert mühevoller Schritte in äußerst gespannter Erwartung, da tat sich vor uns die Erde auf, das Geheimnis des Kibo lag entschleiert vor uns: Den ganzen oberen Kibo einnehmend, öffnete sich in jähen Abstürzen ein riesiger Krater. Diese längst erhoffte und mit allen Kräften erstrebte Entdeckung war mit so elementarer Plötzlichkeit eingetreten, daß sie tief erschütternd auf mich wirkte (…) die von vielen Seiten angezweifelte Existenz eines Kraters auf dem Kibogipfel war nachgewiesen … Das Wesen des Kibo-Eismantels war erkannt; der Weg zum Oberrand des Berges war gefunden, die Höhe von 5870 Metern erklommen.“7 

Aber den höchsten Punkt des Kibo, der auf dem südlichen Kraterrand liegt, erreichen sie an jenem 3. Oktober 1889 nicht mehr, denn eine Übernachtung in dieser Höhe hätte ihren sicheren Erfrierungstod bedeutet. Am frühen Nachmittag beginnen sie den schwierigen Abstieg über das steile Eis. Ihre Erschöpfung ist bereits so groß, dass Ludwig Purtscheller eine Ohnmachtsanwandlung erleidet. Gegen sieben Uhr – es ist schon dunkel – stolpern sie an Muinis Feuerstelle im Kibo-Lager. 

Mittag – 5. Oktober 1889 – erneuter Aufstieg. Auch Muini Amani ist dabei. Er schleppt Decken, Schlafsäcke und Proviant. In 4560 Meter Höhe finden sie zufällig vor Einbruch der Nacht eine offene Lavahöhle, in der sie bei minus 12 Grad biwakieren und am 6. Oktober früh um drei Uhr ohne Muini aufbrechen. Purtscheller wird an diesem Tag 40 Jahre alt. Nach Sonnenaufgang – das ist hier unter dem Äquator nach sechs Uhr – stehen sie an ihren vor drei Tagen in den Ratzel-Gletscher gehauenen Stufen und sind bald danach wieder am obersten Kraterrand – früh genug, um weitere anderthalb Stunden darauf nach Südwesten zu gehen. Dann betreten sie den höchsten Punkt Afrikas. 

Über dieses Ereignis schreibt Hans Meyer selbst: „Um ½ 11 Uhr betrat ich als erster die Mittelspitze. Ich pflanzte auf dem verwetterten Lavagipfel mit dreimaligem, von Herrn Purtscheller kräftig sekundiertem Hurra eine kleine, im Rucksack mitgetragene deutsche Fahne auf …“  Dann folgt die Taufzeremonie – ganz im Verständnis der Zeit: „Mit dem Recht des ersten Ersteigers taufe ich diese bisher unbekannte, namenlose Spitze des Kibo, den höchsten Punkt afrikanischer und deutscher Erde: ‚Kaiser-Wilhelm-Spitze‘.“8  

Ein weißer Mann mit Regenschirm und Bibel hatte Afrikas höchsten Berg 41 Jahre zuvor gefunden. Seitdem hatte ein halbes Hundert Europäer versucht, seinen leuchtenden Gipfel zu besteigen. Nun war die alpinistische Großtat vollbracht, aber auf dem Dach des afrikanischen Kontinents die Flagge einer Kolonialmacht aufgepflanzt. 29 Jahre lang bleibt es die deutsche und 43 Jahre die britische. Am 9. Dezember 1961 wird das ehemalige Deutsch-Ostafrika als Tanganjika unabhängig. Die Afrikaner setzen nicht nur ihre Flagge auf den Berg, sondern tilgen auch die koloniale Etikettierung. Aus der „Kaiser-Wilhelm-Spitze“ des Hans Meyer wird der „Uhuru Peak“ – die Freiheitsspitze. 

Hans Meyer im Kili-Bann

1898 kehrte Hans Meyer nochmals zum Kilimandscharo zurück, umwanderte, begleitet vom Maler E. Platz, den Gebirgsstock und erforschte die lange umstrittene Existenz von Schnee und Eis in unmittelbarer Äquatornähe mit allen Mitteln der Wissenschaft seiner Zeit. Er bestätigte damit seinen Ruf, nicht nur Bezwinger, sondern auch Erforscher des Berges zu sein. 

Literatur

Baumann, Oscar (1889): In Deutsch-Ostafrika während des Aufstandes. Reise der Dr. Meyer’schen Expedition in Usambara. – Wien. 

Decken, Carl Claus von der (1871): Reisen in Ostafrika in den Jahren 1859 bis 1861. Bearb. Von Otto Kersten. – Leipzig, Heidelberg 1871 (Nachdr. Graz 1978). 

Höhnel, Ludwig Ritter von (1892): Zum Rudolph-See und Stephanie-See. Die Forschungsreise des Grafen Samuel Teleki in Ost-Aequatorial-Afrika 188 –1888. – Wien 

Ingham, Kenneth (1962): A history of East Africa. – London 

Köfler, Barbara / Sauer, Walter (1998): Scheitern in Usambara, Die Meyer-Baumann’sche Expedition in Ostafrika 1888. – In: Wiener Geschichtsblätter 53, H. 1, S. 1-25. 

Lange, P. Werner (2005): Kilimandscharo. Der weiße Berg Afrikas. – Zürich. 

Peters, Carl (1906): Die Gründung von Deutsch-Ostafrika. Kolonialpolitische Erinnerungen und Betrachtungen. – Berlin. 

Pluth, David / Amin, Mohamed / Mercer, Graham (2001): Kilimanjaro. The great white mountain of Afrikca. – Nairobi. 

Reader, John (1982): Kilimanjaro. – London. 

Salkeld, Audrey (2002): Kilimanjaro. To the Roof of Africa. – Washington, D.C. 

Schulz, Eckhard (1982): Die Eroberung des Kilimandscharo. – In: Wochenpost (Berlin), Nr. 7-11. 

Kilimanjaro. In: Tanganyika Notes and Records 64, 1965. 

Quelle der Bilder: Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig, Nachlass Hans Meyer

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